Interview mit Kangding Ray

  • par C.EM
  • avril 4, 2014

Paris, den 5.Februar 2014 (über Skype)
Anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Album « Solens Arc », können Sie ein Interview von David Letellier a.k.a. Kangding Ray entdecken.

Mit « Amber Decay » der ersten Single aus Ihrem neuen Album « Solens Arc » zitieren Sie Noam Chomsky : « It only makes sense to seek out and identify structures of authority, hierarchy and domination in every aspect of life, and to challenge them ; unless a justification for them can be given, they are illegitimate, and should be dismantled, to increase the scope of human freedom. »
(« Chomsky on Anarchism » (AK presse), PARTIE 7: « Anarchism, Marxism, and hope for the future » (1995))

C : Was haben Sie dazu sich gebracht für die Arbeiten von Noam Chomsky zu interessieren ?

KR : Ich habe mich nicht von Noam Chomsky inspirieren lassen um das Stück zu machen, dieser Verweis ist einfach später gekommen, um den Sinn des Videos zu illustrieren. Das Video handelt vom Thema der Ästhetik, der Ordnung und zeigt wie Unterdrückungssystemen die Schönheit von Serialität produzieren können. Es gibt zwei Leseniveaus: das ästhetische Niveau welches die geometrische Abstraktion von Körpern in perfekt synchronisierter Bewegung ist, und das versteckte Niveau, das eigentlich die politische Unterdrückung ist. Die Bilder sind aus dem Arirang entnommen: einer riesigen Vorstellung von synchronisiertem Tanz und Gymnastik die jedes Jahr in Nord-Korea stattfindet. Aber das Video ist keine spezifische Kritik des nordkoreanischen politischen Systems, es hat eine breitere Bedeutung, die man auf alle Kontrollsysteme der Massen anwenden kann, gleich ob diese politisch oder medial sind.

C : Ich habe den Eindruck dass die USA eine Quelle der Inspiration sind (das ist in Ihrem Werk präsent), ich denke zum Beispiel an « Pruitt Igoe »?

KR : Der Zufall will, dass « Pruitt Igoe »in den USA war, aber die Ideen des architektonische Modernismus, dessen Ende er gekennzeichnet hat, sind überall in der Welt erprobt worden.
Die Tatsache, dass dieses Projekt in den USA verwirklicht wurde, war vielleicht eine Art Katalysator, um ein noch spektakuläreres Ende zu schaffen, und vor allem ein viel heftigeres. Aber auch hier kann man einen globaleren Ausdruck finden, eine Parallele zwischen der theoretischen Schönheit der modernistischen Ideale und dem faschistischen und totalitären Charakter, den diese Bewegung manchmal getragen hat.

« Pruitt Igoe » war eine sehr große Einheit von Sozialwohnungen, eine in Saint-Louis, Missouri, gebaute neue Stadt, als eine ideale Stadt nach dem Vorgaben des Modernismus von Le Corbusier, wie viele andere Grobprojekte nach dem Krieg. Das Projekt wurde von dem Architekten Yamasaki entwickelt, der später das World Trade Center baute, dessen die spektakuläres Ende man kennt. Die Grundidee war sehr positiv und optimistisch, mit vielen Gemeinschaftsräumen und Grünflächen, und einer großen sozialen und Rassenmischung.

Kurz nach der Eröffnung, wurde der Ort eine Hölle, die Kriminalität stieg schwindelerregend an , die Gemeinschaftsflächen wurden unbrauchbar und gefährlich, und nach ein paar Jahren, waren alle weißen Mieter geflohen. Die Stadt wurde schließlich in den frühen 70er Jahren abgerissen, als die meisten Gebäude schon seit Jahren verlassen waren. Man kann die unglaublichen Bilder dieser leeren Gebäude in dem Film “Koyaanisqatsi” von Godfrey Reggio sehen.
Der schnelle und heftige Verfall dieses Projektes wurde dann als das Ende der modernen Epoche in der Architektur und als das Signal für den Anfang der post-modernen Ära gesehen.

C : Dass jeder seinen Platz mit gleichen Rechten und Pflichten findet, das ist eine Utopie, oder ?

KR : Ich bin nicht sicher, ob Noam Chomsky genau dies ausdrucken will, ich bin kein Spezialist für Chomsky und ich kenne nicht sein gesamtes Werk aber er interessiert mich besonders für seine Äußerungen zum Anarchismus, der freiwilligen Unterwerfung und der künstlichen Schaffung einer Autorität durch die Einrichtung eines kontrollierten “Star-Systems”.
Um auf Ihre Frage zurückzukommen, jede Utopie ist meiner Meinung nach gut, und die Tatsache, dass eine Idee zu gut ist um realisierbar zu sein, macht sie noch stärker. Die Ideen, die es sich lohnt zu verfolgen, sind meistens die Ideen, die noch nicht realisiert sind, und vor allem diejenigen, die als nicht realisierbar betrachtet werden.

C : Haben Sie Ihren Platz oder mindestens ein Gleichgewicht gefunden, und vielleicht haben Sie diese Gleichheit Ihrer Rechte und Ihrer Verantwortung in Deutschland leichter gefunden als in Frankreich?

KR : Ich mache keine Apologie des deutschen Systems, es hat seine Stärken und Schwächen, und übrigens kann man die Situation in Berlin nicht für ganz Deutschland verallgemeinern, die meisten Leute sind sich darüber einig dass Berlin nicht wirklich Deutschland ist. Ich habe mein Gleichgewicht in dieser Stadt gefunden, der Rhythmus und der Lebensstil passen zu mir. Die Situation als Ausländer ist ziemlich bequem, da man nicht reagieren muss und nicht ständig jeder täglichen Polemik Position beziehen muss, , man kann sich als “Outsider” platzieren, und sich Zeit nehmen und die Situation aus der Weite abschätzen. Hier können die Sachen etwas langsamer sein, etwas provinzieller und vor allem weniger angespannt, weniger konzentriert auf das Tagesgeschehen.

C : Es gibt viele französische Künstler in Berlin.

KR : Ja und es gibt viele Gründe dafür, ich glaube nicht, dass die politischen Gründe hauptsächlich sind.

C : In Berlin gibt es eine Freiheit und eine Leichtigkeit für das künstlerische Schaffen.

KR : Das ist sicher. Aber man muss doch klar sagen, dass es vor allem wirtschaftliche Gründe sind, die diesen Kontext schaffen. Es ist die Leichtigkeit in Berlin Räume zu finden, Wohnungen zu finden und mit wenig zu leben, die es erlaubt, dass man länger ein Künstlerleben leben kann, als anderswo. Man ist weniger mit dem Überleben beschäftigt. Und das ist der große Unterschied.

C : Ist für Sie die soziale und politische Funktion der Musik wichtig ?

KR : Ja unbedingt, das ist sogar ausschlaggebend. Aber über die Musik als künstlerische Praxis, sind die Zusammenhänge, in denen hinaus sie gespielt, vorgestellt und getanzt wird wichtig. Die Orte des Zusammenfindens und insbesondere die Clubs der elektronischen Musik, schaffen autonome, temporäre Zonen mit ihren eigenen Regeln, die für eine bestimmte Zeit erlauben von den äußerlichen öffentlichen Räumen zu abstrahieren, die immer kontrollierter, videoüberwachter und privatisierter zu sein scheinen.

C : Das findet in den Clubs besonders statt.

KR : Der Club ist einer der letzten Räume der wirklichen Freiheit, in dem die Privatisierung, die Videoüberwachung und die soziale Eigenüberwachung nicht mehr so fasst. Das Beispiel des « Berghain » in Berlin, wo fast alles erlaubt ist , außer Fotos zu machen, beweist dass die wahre Freiheit ist zu tun was Sie wollen unter Achtung der Anderen, ohne automatisch gefilmt, fotografiert und auf Facebook gepostet zu werden. Draußen wird die kleinste Abweichung gefilmt, kommentiert, On-line gelegt und dann auf Basis, von steriler und wütender Kommentare diskutiert.
Der Glas-Kasten, den man gerade schafft, wird nicht zu einer größeren Freiheit führen.

C : Ist jedes neue Album eine Stellungnahme ?

KR : Nein. Das ist ein Inventar, zu einem bestimmtem Zeitpunkt. Ich glaube immer noch an die Musik auf einem physisches Medium, weil sie erlaubt den Prozess einzufrieren, und zu vermeiden auf dasselbe Material zurückzukehren und die Versionen zu vervielfältigen; das ist ein “Statement”, eine Momentaufnahme.

C : Ich sehe deutlich eine Entwicklung in Ihrer Arbeit, sogar einen Aufbau.

KR : Ja das ist wahr.

C : Was ich zum Beispiel in Enghien gesehen habe, faud ich sehr ausgearbeitet, sehr präzise.

C : Haben Sie zu einem bestimmten Zeitpunkt Lust gehabt einen oder mehreren Tracks mit Worte oder einen Text zu unterlegen ?

KR : Auf « Automne Fold » und auf « OR », gibt es Tracks, die gesungen oder gesprochen sind und ich habe die Texte für die meisten selbst geschrieben.

C : Ja aber auf dem letzten Album « Solens Arc », meine ich ?

KR : Es ist wahr, dass es auf diesen Album keine Worte gibt, die Stimme ist auf ihren einfachsten Ausdruck reduziert, das heißt ihren Ton.

C : Ja das hört man, und übrigens hat es mich daran denken lassen, was Sie im Museum des Quai Branly gemacht haben.

KR : Das ist richtig, man kann auf bestimmten Stücken den Einfluss der Kehlen Gesänge von der Inuits hören, abstrakte Stimmen, auf die Atmung reduziert.

C : Mathematik, Philosophie, Kunst, Grafik, definieren diese Worte Ihre musikalische, instrumentalen Arbeit ? Und wie genau ? Ist das eine Gesamtheit?

KR : Mathematik, ja ein wenig, aber letztlich weniger als andere Künstler auf raster-noton, ich habe den Eindruck dass viele viel analytischer sind als ich. Ich bin letztlich jemand, der meiste Zeit direkt auf der Textur arbeitet, ein bisschen wie ein Bildhauer, oder ein Handwerker, und viel weniger theoretisch.

C : Mehr intuitiv ?

KR : Vielleicht aber vor allem organischer.
Was die grafische Arbeit betrifft, von meiner Ausbildung her, habe ich das in den Prozess integriert ohne mir zu viele Fragen zu stellen, das ist ganz einfach: wenn ich ein Album-Cover machen muss, mache ich Grafik-Design, wenn ich ein Video machen will, mache ich das Video. Es gibt viel verbundene Dinge, die ich selbst mache, aber die da für da sind meine Hauptarbeit, die das schaffen von Musik bleibt, zu tragen oder zu kommunizieren.

C : Es handelt sich somit mehr um eine Gesamtheit und Sie machen alles ganz allein ?

KR : Ja das ist richtig.

C : Das ist ein Wille, es ist für Sie notwendig ?

KR : Ja, es gibt mehrere Gründe dafür, wirtschaftliche natürlich, aber auch weil ich diese Haltung, fast Punk, “Do-It-Yourself” mag, die die Entwicklung und Demokratisierung der Technologie erlaubt hat.

C : Ja wir sind völlig in einer solchen Zeitströmung sowieso.

KR : Einer der weiteren Gründe ist dass ich ein bisschen ein « Kontroll Freak » bin, ich versuche mich immer mehr dazu zu zwingen, bestimmte akzessorische Sachen zur Musik weiter zu delegieren, aber ich finde dass man meistens niemals besser bedient wird als von sich selbst.

C : Brian Eno hat gesagt : «Mein Künstlerleben wurde durch die Entwicklung der Technologie bedingt ». Sie erstellen Verbindungen zwischen Musik, Video und Meta-Design, finden Sie sich in dem, was er gesagt hat wieder?

KR : In meiner Karriere als Musiker habe ich den Zeitpunkt erlebt an dem alles auf Computer gewechselt ist, zwischen meinen Anfängen, wo ich begonnen habe die Musik mit einem Sampler Akai mit 32MB RAM zu produzieren, und dem Augenblick an dem Supermarktcomputer stark genug wurden, um Musik-Software laufen zu lassen.
Es ist jetzt interessant, dass ich, wie viele Leute, wieder immer mehr zur Hardware zurückkomme, es gibt Zyklen.
Ich denke dass Brian Eno noch mehr verschiedene Phasen der Entwicklung gekannt hat; er hat angefangen bevor Computer irgendetwas interessantes oder verwendbares machen konnten, er war Zeuge mehrerer aufeinanderfolgender technologischer Revolutionen.
Heute sind wir natürlich nicht am Ende der technologischen Entwicklung, aber ich würde sagen, dass es zwischen dem neuen Mac Book Pro, der gerade herauskommt und dem, der vor zwei Jahren herausgekommen ist, keine großen Unterschiede gibt, außer einer bestimmten Leistung-Steigerung die oft durch eine Erhöhung der Ressourcen der für die Software notwendigen aufgefangen wird, jedenfalls gibt es keine ganz neuen Möglichkeiten, die eröffnet werden, keine wesentlichen Veränderungen.
Dagegen ist es offensichtlich dass eine größere Demokratisierung des Zugangs zu Audio-Techniken gibt. Jeder kann eine “gehackte” Ableton Version auf einem 300€ PC installieren und direkt anfangen Musik zu machen, das ist eine wichtige positive Entwicklung, das bedeutet nicht dass die gesamte Qualität besser wird, aber mindestens ist die technologische Barriere, die existierte als ich angefangen habe, verschwunden.
Die wahre Revolution wird sich schließlich ereignen wenn man sich aufhört die Frage zu stellen, wie die Maschine funktioniert und man sich völlig auf den Inhalt konzentrieren kann, was man damit macht.

C : Wird das Album zum den 24. Februar wertig sein ?

KR : Ja endlich !
Es war ein sehr komplexes Album-Cover, eine Schattierung von grau zu grau, und damit wahrscheinlich das schwereste, um es ordentlich zu drucken.
Das wird sehr schön, sehr minimal sein.

Neues Album : « Solens Arc », den 24. Februar 2014 auf der raster-noton Label.
www.kangdingray.com
www.raster-noton.net

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